Meine Lebensrealität und dein slim privilege…

Wir haben Sommer. Was kann es da Schöneres geben, als sich mit Freund*innen am See bei Eis und Sonne zu treffen. Wenn das für dich völlig normal klingt und du dir nicht vorstellen kannst, dass es dabei ein Problem geben könnte, dann herzlichen Glückwunsch. Vermutlich liegt das daran, dass du das Privileg hast als normschön gelesen zu werden.

Ich leider nicht. Ich bin dick*fett.

Ich als dicke*fette Person würde auch gerne einfach die nächstbesten Klamotten überziehen, meine Tasche schnappen und unbeschwert die Straße lang spazieren, um mich in einem netten Café mit meinen Freund*innen auf einen großen Eisbecher und einen Milchkaffe zu treffen. Gerade jetzt im Sommer (die aktuellen Temperaturen ignorieren wir mal) möchte ich eigentlich möglichst wenig schweren*warmen Stoff tragen, mich mit nem Eiskaffe abkühlen und unbeschwert schwimmen und planschen gehen. Leider sieht meine Lebensrealität so aus, dass ich nichts davon unbeschwert und ohne Übergriffe machen kann. Denn hey, ich bin eine dicke*fette Person.

Stoffe, Säcke und Kleidung

Mein Körper passt in Kleidung zwischen 52/54. Vermutlich wirst du mitbekommen haben, dass die Kleidung in den von dir standardmäßig angepeilten Läden bis vielleicht maximal 42/44 oder 44/46 geht. Je nach Label entsprechen Größe 42 und 44 schon L bis XXL. Übersetzt heißt das, dass mensch mit Größe 42/44 schon dick ist, denn auf dem Schildchen in den T-Shirts steht schließlich large oder extra large. Das bedeutet auf dem Schild für meine Kleidung ist nichtmal genügend Platz um die ganzen Xe aufzuführen, die ich nach dieser Tabelle benötigen würde.

Also gibt es für mich spezielle Läden oder Abteilungen in denen ich versuchen soll, meinen unansehnlichen Körper mit Stoff zu bedecken. Sie nennen sich „Big is Beautyful“, „Curve Line“, „…für starke Frauen“, Ulla Popken und so weiter. Dort hängen dann Stoffsäcke ohne Form und Schnitt in meist grausamen Farb- und Mustervarianten. Wieso auch sollten wir dicken*fetten auch die gleiche Chance auf schöne, modische Kleidung haben, wie du? Wer sich für einen dicken*fetten Körper entscheidet, kann doch nicht auch noch darauf bestehen schöne Kleidung zu finden. Nachher würden wir noch glauben unsere Körper wären normal oder in Ordnung. Nein, wir könnten ja lieber mal unsere fetten Ärsche hoch bekommen und Sport machen, statt faul und ständig Fast Food (fr)essend auf der Couch vor der Glotze zu verbringen.

Zuschreibungen und Vorurteile

Da haben wir gleich den nächsten Punkt. Ich bin mir sicher, du brauchst kein einziges Wort mit mir zu reden, um schon zu wissen, mit wem du es zu tun hast, oder? Du hast schließlich eine große Palette voller Zuschreibungen, die auf alle dicken*fetten Menschen gleichsam passen. Wir sind faul, gemütlich, undiszipliniert, unsportlich, träge, meist unrasiert und fettig, essen ausschließlich fettiges Fastfood und glotzen sogenanntes Trash TV, bei dem uns auch gleich eine entsprechende soziale (Bildungs-) Schicht zugesprochen wird. Wie sollte es auch anders sein, oder? Wären wir aktiv, sportlich und diszipliniert würden wir ja schließlich nicht so aussehen wie wir es nunmal tun. Nur die guten™ Menschen sind normschön. Und weil ihr ja die Guten seid, seid ihr auch alle total ernährungsbewusst, gesund, gebildet und überhaupt absolut Awesome. Das seid ihr auch mit Sicherheit. Der Grund dafür ist aber nicht euer Körper und in welcher Form und Größe er sich präsentiert.

Wie sehr ihr von diesen Zuschreibungen und Vorurteilen geprägt seid, offenbart ihr mit vermeintlich gut gemeinten Komplimenten wie: „Dafür dass du dick*fett bist, bist du doch aber <beliebiges Kompliment einsetzen>“ Ihr seid überrascht, wenn wir doch sportlich, aktiv, modisch gekleidet oder vielleicht sogar attraktiv sind und das alles TROTZ dass wir dick*fett sind. Wir können an und mit unseren Körpern genauso viel Spaß und Frust haben, wie ihr auch.

Der Gesundheitsscheiß

Vielleicht denkst du jetzt: „Okay, Vorurteile haben und Zuschreibungen aufgrund von Äußerlichkeiten zu fällen ist vielleicht nicht soo ganz in Ordnung.“ Last mich raten, der Gedanke ist dicht gefolgt von einem „ABER deine Gesundheit!“. (Unnötig zu erwähnen, dass dieses >Aber< jede Aussage die davor getroffen wird relativiert.)

Es ist immer wieder das gleiche. Werdet ihr damit konfrontiert, dass euer fatshamendes, diskriminierendes Verhalten scheiße ist, kommt DAS Totschlagargument mit der Gesundheit.

Mal ehrlich, gehst du wirklich durch die Stadt und denkst die ganze Zeit an den Gesundheitszustand der Menschen, die dir da begegnen? Also sei bitte ehrlich zu dir selbst und werte dein diskriminierendes Verhalten nicht dadurch auf, dass du dir ja eigentlich nur Sorgen machst.

Ihr lacht und hetzt über uns, weil wir nicht eurer Vorstellung von Normkörpern*Normschönheit entsprechen, aber nicht, weil ihr ernsthaft Sorge um unseren Gesundheitszustand habt. Allein die Annahme, den Gesundheitszustand an der Form und Größe eines Körpers ablesen zu wollen ist ein Witz. Nicht jeder dicke*fette Mensch hat automatisch Diabetes, Rückenschmerzen oder ist depressiv gestimmt. Genauso wie ein schlanker*normschöner Körper keine Garantie für Gesundheit und Lebensfreude ist.

Ich bin Physiotherapeutin und bekomme nach wie vor ständig von anderen Menschen erklärt, wie krank ich mich doch mit meinem Gewicht mache und was es überhaupt mit dieser „Gesundheit“ auf sich hat. Erwartet ihr wirklich, dass ich mit „Hey, krass, das wusste ich noch gar nicht!“ antworte?

Es ist ja nicht so, dass einer*einem an jeder Ecke erzählt wird, wie ungesund wir doch alle Leben. Selbst eine Leberwurst mit der Aufschrift „Du darfst“ glaubt mir erzählen zu können, was ich gerade darf und brauche.

Wenn ihr also wirklich so sehr um meine*unsere Gesundheit bemüht seid, dann unterlasst es doch einfach mal, mich dauernd und zu jeder Zeit zu fatshamen*diskriminieren*verurteilen und erspart mir damit den krassen Dauerstress. Dieser ist es nämlich, der mein subjektives Gesundheitsempfinden massiv beeinträchtigt, meinen Kortisolspiegel in die Höhe treibt und meine Stoffwechselprozesse manipuliert. Ständig und jederzeit gejudged zu werden stresst mich deutlich mehr, als als kurzes Verschnaufen nach dem Treppensteigen.

Ich will damit nicht sagen, dass es keine Zusammenhänge zwischen Gewicht und bestimmten Krankheiten gibt. Ich habe nur ein großes Problem mit der einhergehenden Stigmatisierung dicker*fetter Menschen. Ich möchte zu Ärzt*innen gehen und mit meinen Beschwerden ernst genommen werden. Wenn der einzige Therapievorschlag Abnehmen ist, ohne sich ernsthaft mit meinen Problemen auseinanderzusetzen oder gar eine richtige Untersuchung durchzuführen, dann ist das reine Stigmatisierung. Nicht nur durch eigene Erfahrungen, sondern auch die als praktizierende Physiotherapeutin, kann ich sagen, dass im Gesundheitswesen diesbezüglich einiges im Argen liegt. Wieviele Stoffwechselerkrankungen werden nicht oder erst sehr spät diagnostiziert, weil wir in einer FDH-Schublade gelandet sind?

Erfahrungen und Übergriffe

Diese ganzen beschissenen Zuschreibungen und Vorurteile lassen euch glauben über dicke*fette Menschen richten zu können. Wer sich schließlich mit einem so unansehnlichen Körper in die Öffentlichkeit wagt, muss halt auch damit rechnen auf Kritik zu stoßen. Dass was ich allerdings im Alltag erlebe ist keine Kritik. Kritik soll eine Handlungsverbesserung sein. Davon mal ab, dass wir und unsere Körper keine Verbesserung sondern Akzeptanz benötigen, ist das, was uns im öffentlichen Raum entgegenkommt eher mit Feindlichkeit*Hass zu vergleichen.

Wenn ich an der Haltestelle auf meinen Bus warte, ein Auto extra auf dem Busstreifen hält um mir zuzurufen, dass deutsche Panzer anscheinend wieder rollen würden, ist das keine Kritik. Dass ist ein respektloser, menschenverachtender und entwürdigender Übergriff.

Wenn ich den ganzen Tag nicht dazu gekommen bin, etwas zu essen und mir zwischen meinen Terminen einen Döner genehmige, ist das keine Einladung mir Sprüche wie „Immer rein in die Figur, die gibt ja nach!“ zuzurufen. Auch hier ist keine Kritik drin zu lesen, sondern widerliches ausleben von (männlichen) slim privilege und Sexismus.

All diese leider nicht seltenen Erfahrungen führ(t)en bei mir dazu, dass ich mich kaum traue in der Öffentlichkeit etwas zu Essen. Ich hatte vor kurzem einen Arztbesuch bei dem ich nüchtern erscheinen musste. Ein Terminfuckup führte dazu, dass ich da nun einige Stunden hungrig sitzen musste. Anstatt mich meinem Buch zu widmen, dachte ich die ganzen 3 Stunden die ich da saß darüber nach, wo und wie ich denn gleich an was zu essen kommen könnte. Ich habe mich dabei nicht gefragt, worauf ich denn Hunger hätte und was ich mir denn nach dem anstrengenden Tag nun schönes gönnen könnte. Nein, meine Frage zielte darauf ab, wo ich denn möglichst heimlich etwas essen könnte, ohne gesehen zu werden und ohne mich dafür in ein Restaurant in die hinterste Ecke setzen zu müssen.

Als ich vor einigen Tagen angefangen habe diesen Post zu schreiben, trug ich ein schönes Kleid, indem ich mich eigentlich ziemlich wohl und gut aussehend fühlte. Auf dem Weg zur Uni rief mir eine Gruppe Menschen von der anderen Straßenseite zu, wie ich denn „so auf die Straße gehen könnte“. Ich hatte glücklicherweise einen guten Tag und konnte entsprechend kontern (siehe dickes Fell). Dennoch tat es mir weh und keimt an anderen Tagen wieder auf, wenn ich mit mir vielleicht mal nicht so im reinen bin.

In der letzten Folge Leitmotiv erzählte Elisabeth Rank, dass sie sämtliche Ganzkörperspiegel aus ihrer Wohnung verbannt hat und sich dadurch befreit fühlt. Sie erklärt ihre Entscheidung damit, dass sie ihre Klamotten danach auswählen möchte, wie sich sich darin fühlt und weniger danach, wie sie darin aussieht. Im ersten Moment dachte ich noch, wow klingt toll. Irgendwie hat das was empowerndes. Dann passierte mir eben geschildeter Vorfall und ich musste meine Gedanken zu dem Spiegelverbot soweit überdenken, dass ich glaube, dass diese Handlung und Idee nur mit einem gewissen Körperprivileg umsetzbar und erstrecht empowernd ist.

Ich finde es nach wie vor schön, wenn das für sie so funktioniert und sie sich damit gut fühlt. Ich wünschte ich würde das auch irgendwann. Solange ich von Außen aber so hart und schmerzlich daran „erinnert“ werde, wie dicke*fette Menschen sich zu kleiden haben, sehe ich das für mich leider (noch) nicht.

Dickes Fell und Selbstliebe

Vor einiger zeit erzählte ich einer Freundin von meiner Lebensrealität woraufhin sie folgendes zu mir sagte: „Ich versteh dein Problem und es tut mir leid. Du musst dir für sowas einfach ein dickes Fell wachsen lassen und dich einfach selbst akzeptieren“ Ich weiß, dass sie dies absolut wohlwollend meinte und sich mit Sicherheit nicht bewusst darüber war, was in diesen Zeilen alles mitschwingt.

Ich habe viel über diese Zeilen nachgedacht und je mehr ich das tat, umso wütender und ohnmächtiger machten sie mich.

Das dicke Fell. Diese Rhetorik hört*liest eins ja auch gerne, wenn es um Übergriffe sexistischer*rassistischer Art geht. Ist doch ganz klar. Das Opfer muss lernen sich selbst zu schützen, damit die priviligierte Täter*innenschaft fröhlich weiter machen kann, ohne ihr Verhalten zu hinterfragen oder gar zu ändern.

Wieso zum Teufel muss ich mir ein dickes Fell wachsen lassen, wenn ihr da draußen auch einfach aufhören könntet Menschen, die von eurer normativen Vorstellung von Körperbildern, sexueller Orientierung, Geschlecht, Ethnizität etc abweichen, das Leben zur Hölle zu machen, indem ihr sie ständig übergriffig behandelt?!

Und dann das mit dem selbst akzeptieren*lieben. Ja natürlich ist das ein wichtiger Punkt. Aber wie soll eins sich selbst lieben (lernen) und akzeptieren, wenn die eigene Umwelt einer*einem andauernd ausführlich klar macht, dass eine*r falsch ist? Wie soll ich mich denn akzeptieren, wenn mir ständig durch Menschen, Ärzt*innen, Werbung, generell Medien und der Familie gesagt wird, wie falsch ich bin? Wenn ich ständig zu hören bekomme, dass mein Leben besser wäre, wenn ich schlank*normschön wäre? Schlank*Normschön als Garant für Lebensfreude und Problemlosigkeit? Spätestens jetzt solltet ihr doch merken, dass das Kackscheiße ist.

Fat- and Bodyacceptance

Warum jetzt eigentlich dieser ganze Post? Einmal Jammern und mein dickes*fettes Körperbild promoten? Nein, mit Sicherheit nicht. Mir geht es nicht darum hier ein Körperbild zu bewerben und den Finger mal in die andere Richtung zu zeigen, auch wenn das durch meinen Rant an mancher Stelle so klingen mag.

Ich möchte euch, die ihr schlank*normschön seid an eure Privilegien erinnern. Ich möchte euch bewusst machen, was eure Privilegien für mich und andere dicke*fette* Menschen bedeuten. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass auch dicken*fetten Personen sowas wie Menschenwürde zusteht und wir eben nicht nur bloße Körper sind, die als Spielplatz für Übergriffe, euren Spaß, Bevormundungen und Demütigungen herzuhalten haben. Wir sind liebenswerte, tolle Menschen, genau wie ihr, die genauso das Recht haben, selbstständige Entscheidungen zu treffen. Ja auch Entscheidungen, die ihr nicht gut heißt.

Wenn mir gerade danach ist, einen zweiten, dritten oder fünften Cupcake zu essen, dann möchte ich das tun können, ohne mich dafür schlecht zu fühlen, mich rechtfertigen zu müssen oder dafür diskriminiert zu werden. Wenn ich mich an einem heißen Tag an Strand*See legen möchte, dann möchte ich das tun ohne mich für meinen Körper schämen zu müssen, ohne Ständig am Bikini zupfen zu müssen und einen kalten Schauer im Rücken zu haben, sobald Menschen mich sehen könnten.Dann möchte ich nämlich einfach nur, wie am Anfang beschrieben einen schönen Tag mit meinen Freund*innen erleben.