Ich bin 27, hab einen vorzeigbaren Lebenslauf, ein Examen, war selbstständig und bin nun wieder Schülerin. Kurzum, ich habe mich entschlossen meinem Wunsch nachzugehen, das Abitur nachzuholen und anschliessend Soziologie und Gender Studies zu studieren. Weeeeh \o/ was war ich happy, als ich die Nachricht bekam, kurzfristig doch noch in das gerade gestartete Schuljahr am Kolleg einzusteigen.

Doch nach der Freunde machte sich schnell eine starke Beklemmung in meiner Brust breit. Zum einen wurde ich nach knapp zweijähriger Krankheitsphasen aufgrund von Depressionen gerade wieder erst als "gesund" erklärt und hatte noch keine nennenswerten Berührungspunkte mit einem strukturierten Alltag, geschweige denn Konfrontationen mit Menschen und "unfreiwilligen" Sozialkontakten. Und zum anderen kamen unangenehme Erinnerung an meine frühere Schulzeit hoch:

Es begann in der Grundschule. Früher wie heute ließ ich mich schnell ablenken, war immer etwas langsamer und fühlte mich unwohl, wenn ich vor der Klasse sprechen sollte. Es reicht mir bis heute mich darüber zu freuen, die Antwort zu wissen. Ich habe kein großes Bedürfniss eine auf Hermine Granger zu spielen. Leider führte dies aber schon zu früher Schulzeit dazu, dass meine Lehrer*innen der Meinung waren, mich nur oft genug dran zu nehmen und an die Tafel zu holen. Wertvoller wäre es gewesen, mich und mein Selbstbewusstsein zu stärken. Das anfangs nett gemeinte "aus der Reserve" locken entwickelte sich recht schnell zu einem generellen Vorführen. Denn unabhängig von der Lehrer*innenschaft wissen wir denke ich alle, wie grausam auch Kinder miteinander umgehen können.

Ich weiß noch genau, wie ich einmal eine Rechnung an der Tafel machen sollte, die mir Schwierigkeiten bereitete. Ich stand wie auf einem Präsentierteller vor der ganzen Klasse, die bis auf 3 weitere Mädchen* (und echte Zicken) nur aus Jungs* bestand. Mir wurde heiß und kalt, ich bekam Schweißausbrüche und war vor lauter ERROR in meinem Körper kaum in der Lage meinen Namen zu nennen. Da hörte ich auch schon das erste Gekicher und Geläster hinter mir. Schließlich war ich früher schon ein deutlich mopsiges Kind, was den anderen Kindern nicht verborgen blieb. Mir wurde schwindelig und ich hoffte, dass sich der Boden aufmachen würde. Ich wünschte mir, mein Lehrer würde die anderen zur Ruhe bitten und mich in Schutz nehmen. Doch was hörte ich: "Ruhe bitte. Mädchen haben eh schon immer Probleme mit Mathematik. Da kann klein Pyyraa auch nichts für. Wobei diese Aufgabe ja nun wirklich nicht so schwer ist."

Da wurde der Grundstein für meine heute wirklich ausgeprägte Mathephobie gelegt. Immer wieder wurde ich an die Tafel zitiert. Immer wieder wurde ich in eine so unangenehme und später ängstigende Position gezwungen. Meine Mathekarriere bestand daraus, dass eins sich keine Mühe machte, es mir nahe zu legen. Dieses Verhalten und meine Schwierigkeiten damit zu begründen, dass es ja an meinem Geschlecht lege und mich gleichzeitig aber immer wieder vorzuführen.

So kam es, dass ich trotz sonst guter Leistungen eine Empfehlung für die Hauptschule bekam. Ich machte also meinen Hauptschulabschluss, holte die mittlere Reife nach und machte mein Staatsexamen als Physiotherapeutin. In dieser Zeit begleiteten mich viele Lehrer und Lehrerinnen und nur sehr wenige sind mir als wirklich wohlwollen, unterstützend und fair in Erinnerung geblieben. In der Hauptschule wurde uns Schüler*innen immer wieder suggeriert, dass wir ja eh nie was werden würden. In Mathe sollte ich mich doch bitte ein bisschen zusammen reißen, denn sonst würde es selbst mit einem Job bei Aldi an der Kasse schwer. Im Werkunterricht wurde prophezeit, dass eins nicht einmal eine Lehrstelle im Handwerk finden würde (heute aber als Tischlermeister eine große Firma besitzt). Unkonventionelle Herangehensweisen und Lösungswege wurden mit Unaufmerksamkeit gestraft, anstatt die Kreativität und Transferleistung der Schüler*innen zu unterstützen. Den Höhepunkt empfand ich eines Tages, als eine Lehrerin in die Klasse kam und uns folgend anbrüllte: "Hey ihr Säcke! Könnt ihr nicht Aufstehen, wenn ein Lehrer rein kommt? Das macht man aus Respekt!" Schon damals hinterfragte ich, wie ich denn gerade nach so einem Auftritt noch Respekt aufbringen könnte und fand mich erneut mit der Schulordnung im Strafraum wieder.

Während die Berufsfachschule mir die Möglichkeit gab, mich wieder ein wenig zu "regenerieren", sollte ich in meiner Ausbildung zur Physiotherapeutin erst wirklich lernen, was Diskriminierung, Machtspiele und Demütigung bedeuten. Gleich am ersten Tag sollten wir erfahren, wie der Hase dort laufen würde. Nach kurzem Willkommenskram vom Oberkurs wurden wir aufgefordert uns bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Schließlich würden wir jetzt Physios werden und viel mit nackter Haut zu tun haben. Um dies überhaupt zu lernen, würden wir eh an uns praktizieren und dürften sowas wie Scham nicht mehr verspüren. Während ich denn Inhalt dieser Aussage noch nachvollziehen kann, ist diese Methode doch mehr als fragwürdig. Weiter ging es am nächsten Tag als unsere Ärztin, die alle medizinischen und anatomischen Fächer unterrichtete, mit uns einen Exkurs zu den Hebelgesetzen machte: "Wenn sie damals in der 7. Klasse also gut aufgepasst haben, dann wissen sie ja wie das mit dem kurzen und dem langen Hebel ist. Wenn nicht, werden Sie das hier noch ausführlich lernen. Denn ich habe hier den laaangen Hebel und sie den ziemlich kurzen!" Damit wurde uns auch nicht zu viel versprochen, denn es gab zahlreiche Situationen und Umstände in denen uns die Kürze unseres Hebels schmerzhaft klargemacht wurde.

Ein auf sachlicher Ebene kritisch hinterfragter Umstand sollte mir die restliche Ausbildungszeit unter meinem Schulleiter zur Hölle machen. Dieser fühlte sich persönlich auf den Schlips getreten und schikanierte mich fortan so offensichtlich, dass selbst andere Lehrer es als notwendig empfanden für mich einzustehen. Durch Unterschlagung spezieller Unterlagen währe ich fast nicht zum Examen zugelassen worden. Die größte und wichtigste Prüfung wurde in obere und untere Extremitäten aufgeteilt und von zwei Lehrern, einer davon mein Schulleiter, abgenommen. Obwohl ich im ersten Teil eine gute Zwei bekam, versuchte mein Schulleiter mir eine Fünf aufzudrücken. Glücklicherweise setzte sich der Lehrer für mich ein und machte klar, dass dies so nicht sein kann und persönliche Konflikte in einer zukunftsentscheidenden Prüfung ja wohl nichts zu suchen hätten. (Ich bestand mein Examen am Ende glücklicherweise mit einem Durchschnitt von 2,3)

Nach einigen Jahren Arbeitswelt und Selbstständigkeit entschied ich mich, mir meinen Traum zu erfüllen und zu studieren. Durch meine Ausbildung wäre es mir zwar möglich mich für ein fachbezogenes Studium einzuschreiben. Sozialwissenschaften sind als fachbezogen zu einem medizinischen Beruf allerdings schwer zu rechtfertigen und so entschied ich mich am Kolleg das Abitur nachzuholen. Ich war eh nie glücklich mit meinen Abschlüssen und fühlte mich deswegen lange auch in meiner doch sehr akademischen Peergroup unwohl. Darüber hinaus hab ich nie an meinen Fähigkeiten und Potential gezweifelt.

Um nun wieder auf das Eigentliche Thema zurück zu kommen, gehe ich nun seit 3 Monaten wieder zur Schule. Vor dem Gebäude stehend atmete ich tief durch und versuchte das dumpfe Gefühl weg zu atmen. Ich machte mir klar, dass dies nun Erwachsenenbildung sei, die Schüler*innen in meinem Alter seien und ebenfalls fest im Leben stehen, sodass meine unangenehmen Erfahrungen sich wohl nicht wiederholen sollten. Ich redete mir ein, dass meine Erfahrungen teil wirklich auf die Schulform Hauptschule zurück zu führen seien und klammerte meine Ausbildung dabei aus. Auf einem Kolleg würde bestimmt eine andere und bewusstere Umgangsform herrschen.

Schon auf dem Pausenhof wurde ich von einigen Schülerinnen bemitleidet, als ich erzählte, welche Lehrer*innen ich so hatte. Ich würde schon sehr schnell wissen, weshalb das Mitleid und bekam die Empfehlung die Klappe zu halten, sollte ich nicht ähnliche Erfahrungen machen wollen, wie mit meinem Schulleiter. Komisch, dachte ich. Bisher zeigten sich alle Lehrer*innen von einer sehr sympathischen Seite und erfüllten meine eben genannte Hoffnung. In der dritten oder vierten Physikstunde sollte ich dann allerdings erfahren, was besagte Schüllerinnen meinten. Wir beschäftigten uns gerade mit Kraftpfeilen und Kraftberechnungen als ich eine Verständnisfrage an meinen Lehrer stellte. Die gegebene Antwort sorgte bei mir sofort für Kraftatmung und versaute mir den Tag. "Hören Sie doch einfach auf, wie eine Frau zu denken. Dann verstehen Sie das auch!" Glücklicherweise legte mir mein Sitznachbar deutlich nahe, die Klappe zu halten, wenn ich ein gutes Abitur machen wollte. So nuschelte ich empört in meine Unterlagen und machte mir mit einem Tweet Luft, um anschliessend auf dem Schulhof den Mitschülern zu erklären, warum dieser Spruch alles andere als ein Spaß sei. (Einziger Vorteil dieser Situation war, dass ich seitdem auf dem Pausenhof regelmäßig feministische Diskussionen unter Publikum führte, die bei einigen zum weiterdenken angeregt haben)

Englisch ist anscheinend auch ein Fach in dem eins gut diskriminieren kann. So lernte ich vor wenigen Tagen, dass eins Schüler*innen die englische Steigerung durch offensichtliche Diskriminierung einprägen kann. So reif der Lehrer drei freiwillige Männer auf und verteilte allen Frauen, die sich ebenfalls interessierten eine Absage. Dann wurde der Rest der Klasse aufgefordert diese drei Personen miteinander zu vergleiche. Bis dahin ja noch irgendwie nachvollziehbar. Dass wir aber bewerten sollten, wer der schlankste, attraktivste, intelligenteste, beliebteste und reichste wäre, ging absolut zu weit. Der Punkt Intelligenz und Attraktivität ging dann auch einigen anderen zu weit, was für meinen Lehrer total unverständlich erschien.

Naja, da dieser Beitrag nun doch ungewollt lang geworden ist, erspare ich weitere "Kleinigkeiten" und empfehle dafür mir auf Twitter zu folgen. Schließlich brauch ich neben dem Pausenhof noch einen weiteren Kanal, um mir Luft zu machen.

Foto CC by Wandklex Ingrid Heuser, flickr.com