Tldr: So nett, hilfsbereit und zuvorkommend alle Mitarbeiter*innen hier sind, umso unfreundlicher, dreister und ignoranter sind die Besucher.

Ich hab es mal wieder geschafft, mich selbst kaputt zu machen. Um genauer zu sein, habe ich es geschafft in der Schule, beim Gang zur Pause, auf der Treppe über einige Stufen so umzuknicken, dass ich mir die Syndesmose gerissen und ein Teil des Innenbands angerissen hab. Aber hey - neue unnötige Erfahrung: Ich bin mit dem RTW und Blaulicht (wie peinlich) von der Schule abgeholt worden.

Über meine Ärzteodyssee und den langen, schmerzhaften Weg zur finalen Diagnose und entsprechender Behandlung mit OP rannte ich auch noch ab. Im Moment bin ich aber nur froh, dass ich jetzt endlich meine Therapie bekomme und es gerade endlich wieder bergauf geht.

Seit gestern bin ich nun im Krankenhaus und mein Knöchel um zwei Stellschrauben und Nähte reicher.

Da ich es vor Langeweile und nervigem Besuch der Bettnachbarin nicht mehr ausgehalten habe, hab ich mir einen Rollstuhl geben lassen und bin nach draußen an die frische Luft gefahren. Und weil ich so schockiert über dieses Erlebnis war, muss ich mir meine Empörung mal kurz von der Seele rangen.

Rücksicht! Der Duden sagt folgendes dazu:

Verhalten, das die besonderen Gefühle, Interessen, Bedürfnisse, die besondere Situation anderer berücksichtigt und einfühlig beachtet

Viele Besucher hier aus dem Krankenhaus sollten diesen Begriff noch einmal nachschlagen und in ihr ignorantes Verhalten implementieren.

Mehr oder minder genervt habe ich das Krankenbett verlassen, weil mich die Tochter meiner älteren Bettnachbarin wahnsinnig gemacht hat. Mal ehrlich, wenn eins seine Mutti schon unbedingt in der Mittagspause um 13:00 besuchen muss und sieht, dass die anderen beiden Bettnachbarinnen schlafen, dann würde rücksichtsvolles Verhalten so aussehen, dass man versucht so leise wie möglich zu sprechen. Noch besser wäre es natürlich, mit Mutti die gerade eh im Rollstuhl sitzt, einen kleinen Ausflug in den Garten oder wenigstens ins (leere) Besuchszimmer nebenan zu machen. Denn in einem kleinen Zimmer, in denen drei Frauen auf engen Raum zusammen gebettet sind und das nicht aus freien Stücken, sondern weil sie frisch operiert sind, unter anderem Schmerzen und Stress haben, hat ein Rücksichtsvolles Verhalten eine wichtige Funktion im Heilungsgeschehen.

Naja, Frau Kratzbürste hält das nicht für notwendig. Sie kommt zu Zeiten, die ihr am besten passen und wenn andere schlafen, müssen die halt Oropax benutzen (die nicht ausreichen) oder aufwachen. Neben dem sehr lauten Gerede braucht Frau Kratzbürste sich auch nicht entschuldigen, wenn sie ständig mit ihrem Stuhl ans Nachbarbett (das ist im übrigen meins o/) stößt. Ganz im Gegenteil Frau Kratzbürste empört sich bei ihrer Mutter, dass ich ja immer nur schlafen würde. Betont mit „die junge Frau“, gemeint mit „Jugend von heute“.

Als es mir dann zu bunt wurde und ich aufgestanden bin, weil ihre Stimme und der konservative meckernde Inhalt nicht mehr auszuhalten waren, sprach Madame mich auch noch direkt vorwurfsvoll an.

Die Gute hat doch tatsächlich von mir verlangt, dass ich mich rechtfertige, weshalb ich so viel schlafen würde. Das erste Mal kam ich gerade aus dem OP und das zweite Mal hatte ich einen anstrengenden Vormittag mit Physiotherapie, erstem Aufstehen und so hinter mir. Außerdem geht es sie auch nichts an, was ich habe. Da hilft auch eine flapsige Frage nicht. Da mein Fuß im Gips ist und ich mit Stützen und Rollstuhl bewaffnet bin, kann man sich die Diagnose ja sowieso schon denken.

Weiter gehts. Ziemlich genervt - solche Menschen konnte ich noch nie leiden - machte ich mich auf den Weg nach Draußen, um in Ruhe mit der Familie zu telefonieren und Entwarnung zu geben. Rücksicht bedeutet in einem 3-Bett-Zimmer für mich nämlich auch, dass eins da nicht ständig laut telefoniert. Das nur so am Rande.

Um nach draußen zu gelangen muss eins eine etwas längere und steilere Auffahrt hoch rollen, wenn eins so wie ich die Treppen nicht nutzen kann. Für eine Ungeübte wie mich ist das mit dem Rollstuhl schon eine etwas größere Hürde. Anfahren am Berg mach ich sonst mit Handbremse und Gas geben. Klappt beim Rollstuhl nur bedingt gut. Eins muss aufpassen, dass es beim Räder nachgreifen nicht schon wieder zurück rollt. Ich quälte mich ungeübter Weise also etwas ab und was muss ich da von Besuchern hinter mir hören? Da murmelten sich Zwei zu, warum das denn so lange dauere und ob ich nicht ein bisschen schneller machen könnte.

Gut, kann man so machen, ist man halt kacke. Eins hätte ja aber auch fragen können, ob es mir helfen dürfte und mich kurz mal anschieben können.

Weiter - Kaffezeit: Ich parkte meinen Rolli an der Wand neben dem Eingang, um etwas von der Sonne genießen und in Ruhe telefonieren zu können. Da ich noch eine Drainage im Fuß hab und die Schwellung sich nicht weiter ausprägen soll, muss mein Bein hoch gelagert werden. Kein Ding, fast jeder Rolli hat verstellbare Beinablagen.

Ein Problem wird es aber dann, wenn ignorante Besucher an mir vorbei gehen und mir gegen den operierten und teilweise schmerzhaften Fuß laufen oder so dicht an mir vorbei trampeln, dass die große Fake-Gucci-Tasche mir dagegen haut. Ein Gespräch mit anderen Patienten, die sich zu mir in die Sonne gesellten ergab, dass diese Erlebnisse wohl keine Ausnahme darstellen würden. Anderen sei dies auch schon passiert.

Während ich so in der Sonne saß beobachtete ich, wie eine Mitarbeiterin vom Ordnungsamt den 3. Strafzettel hinter die Scheibe eines fetten Mercedes klemmte, der gestern schon und heute wieder den ganzen Tag auf dem Behindertenparkplatz direkt vorm Eingang parkte. Ich dachte ja immer, dass diese extra breiteren Plätze vor dem Eingang sind, um Personen mit Einschränkungen die Anfahrt/Ausstieg zu erleichtern. War wohl falsch, eigentlich sind die da, damit reiche Menschen mit dicken Karren besser Einparken können und die Sohlen ihrer Designerschuhe nicht so schnell ablaufen. Wieder was gelernt - oder so.

Zum krönendem Abschluss noch eine interessante Begegnung am Fahrstuhl. Ich und eine Mitpatientin am Rollator, mit der ich mich lange draußen unterhalten habe, standen vor den Fahrstühlen und warteten. Waren wir anfangs nur zu zweit, so wurden wir schnell mehr. Menschen die Krankenbesuche machten, erkennbar an Blumen und Geschenken in den Händen. Und jetzt ratet, wer dann doch auf den zweiten Fahrstuhl warten musste, weil sie mit dem Rollstuhl keinen Platz mehr im Aufzug hatte?

Mit Gipsfuß kann man nämlich viel besser zur Not die Treppen nehmen, als auf hohen Schuhen mit Blümchen in der Hand. Außerdem muss das ja alles ganz schnell gehen. Auf der Station wird ja schließlich gerade der Kaffe ausgeschenkt, der ist ja schließlich gratis (und schmeckt auch so).

Jetzt wo ich mich mal ausgerantet hab, geht es mir auch wieder besser und mein Körper kann sich wieder voll und ganz der Produktion von neuem Binde- und Knochengewebe widmen.