Es ist knapp 2 Uhr morgens. Ich bin hundemüde und würde nach einem anstrengenden Tag nichts lieber tun, als jetzt zu schlafen. Seit etwa 23 Uhr liege ich im Bett und versuche diesem einfachen und schlichtem Bedürfnis nachzugehen. Wie jede Nacht. Wie jede gottverdammte Nacht seit Jahren.

Ich liege in einem flauschigem Bett. Es ist frisch bezogen und die Kissen sind frisch aufgeschlagen. Neben mir schnarchen Hund und Herzmensch um die Wette. In der ersten halben Stunde in der ich noch wach liege und die Beiden schon tief im Traumland versunken sind, lächle ich noch und gucke den beiden beim Schlafen zu. Ihre Atmung wird immer tiefer, erste leise Seufzer schleichen sich ein und mein Hörbuch plätschert leise vor sich hin. Ich lächle, weil ich mich für die beiden freue, dass sie so einen einfachen und erlösenden Schlaf haben. Ich lächle, weil ich noch Hoffnung habe, dass ich vielleicht auch in den kommenden Minuten einschlafen könnte. Ich weiß, dass mein Lächeln in den nächsten Stunden in ein neidzerfressenes Schnauben übergeht.

Oh Götter, wie gerne würde ich auch einfach die Augen schließen, in Gedanken einen Sandstrand lang laufen und mich der ziehenden Schwere hingeben, die mich mit jedem Atemzug tiefer zieht. Mit jedem Atemzug wird es schwerer meinem Hörbuch zu folgen. Mit jedem Atemzug steigt die Vorfreude, gleich endlich eingeschlafen zu sein und sich wirren, aber erholsamen Träumen hinzugeben.

Irgendein Teil meines Bewusstseins teilt mir mit, „nur noch drei tiefe Atemzüge, dann ist es geschafft und die wohlige, erlösende Schwere hat dich in den Schlaf gezogen“. Noch zwei Atemzüge. Noch ein… doch dann passiert es:

Eine unangenehme, fast schmerzhafte Spannung macht sich in meinen Beinen breit. Eine Spannung, die mir unmissverständlich klar macht, dass ich die nächsten Stunden definitiv nicht einschlafen werde. Die Hoffnung und Vorfreude auf den Schlaf, die ich gerade noch verspürt habe, mutiert in Frust und kurz darauf in tränennahe Verzweiflung.

Verzweiflung über die Folter, der ich durch meinen eigenen Körper ausgesetzt bin. Jede gottverdammte Nacht!

Ich habe schweres RLS. RLS steht für Restles-Legs-Syndrom oder auch Syndrom rastloser Beine.

Denn dieses unangenehme Gefühl, dass sich wie eine Mischung aus eingeschlafenen Körperteilen, Muskelkater und manchmal Muskelkrämpfen anfühlt, entläd sich unwillkürlich in fast spastische Zuckungen, gegen die ich mich nicht währen kann. Wie durch einen Stromschlag schlagen meine Beine und seit ein paar Monaten sogar meine Arme aus. Nicht selten habe ich dabei schon den Hund oder meinen Herzmenschen unsanft getreten.

Ich weiß, dass ich die nächsten 2 Stunden im Bett keine Ruhe finden werde. In ganz besonders schlimmen Nächten fühlt es sich so an, als würden meine Liebsten neben einer im Schleudergang befindenden Waschmaschine liegen. Die einzige Möglichkeit sie nicht zu stören und mir ein wenig Erleichterung zu verschaffen, ist aufzustehen und durch die Wohnung zu wandeln.

Meist führt mich mein Weg auf die Terrasse, wo ich frustriert oder verzweifelt erstmal eine Zigarette rauche. Wenn ich sitze oder laufe, verblasst dieses unangenehme Gefühl. Oft bin ich naiv dann wieder ins Bett gegangen, nur um wenige Minuten später wieder aufstehen zu müssen.

Vor ein paar Tagen war ich so genervt, frustriert, verzweifelt, dass ich nachts Yoga gemacht hab. Es hat mir knappe 15 Minuten Ruhe verschafft. 15 Minuten in denen ich wieder glaubte, es überstanden zu haben und kurz vor dem Einschlafen war. Dann kam die erste zuckende Entladung sogar ohne großes vorwarnendes Missempfinden, sodass ich das Gefühl hatte, bei der plötzlichen Zuckung mir etwas im Rücken blockiert zu haben. In dieser Nacht schließ ich erst gegen 6:00 morgens ein. Glücklicherweise hatte ich keine wichtigen Termine und konnte es mir erlauben, erst zur Mittagszeit aufzustehen. Studierendenprivileg sei dank!

Ich erinnere mich daran, dass die ersten RLS-Symptome bei mir ungefähr mit 14 oder 15 Jahren auftraten. Ich wünsche mir diese Zeit zurück. Die Beschwerden waren unregelmäßig mit teils größeren zeitlichen Abständen über Wochen. Auch die Intensität war nicht annähernd vergleichbar. Mit Anfang 20 wurde es langsam schlimmer. Jedoch immer noch in einem Rahmen, der in meinen Augen nicht behandlungsnotwendig war. Die Zappelphase tauchte langsam immer häufiger auf, dauerte aber nie länger als eine halbe Stunde. Mit Mitte 20 habe ich angefangen Antidepressiva zu nehmen. Ob die Medikamente Schuld waren, oder die Gründe, die ihre Einnahme erst notwendig machen, mag ich nicht beurteilen. Doch von da an, wurde es immer schlimmer.

Seit einem Jahr bin ich in ärztlicher Behandlung, da dieses Syndrom mein Leben so massiv beeinflusst, dass ich es nicht länger tolerieren konnte.

Lange Zeit erklärte ich mir meine Kraftlosigkeit, Lethargie, Konzentrationslosigkeit und kaum vorhandene Lebensfreude mit dem Vorhandensein meiner Depression. Ich forderte andere Medikamente an, die mir mehr Antrieb geben sollten. Nichts half. Zusätzlich fragte ich mich, was an meiner Depression es sein könnte, dass mich immer noch so lähmt. Ich war schließlich 2 Mal im stationären Aufenthalt, nahm Antidepressiva und habe mich in den letzten fünf Jahren fast all meinen Konflikten und Problemen gestellt.

Mein neues antriebsteigerndes Medikament verschlimmerte meine RLS-Problematik so massiv, dass ich keinen Ausweg mehr sah und meine Ärztin anbetete, mir doch bitte irgendetwas dagegen zu verschreiben. Die schlaflosen Nächte, die kaputten Tag-Nacht-Rhythmen und die darauf folgenden quälenden Tage unter chronischem Schlafmangel gingen soweit, dass ich alle 10 Tage zusätzlich noch mit immer stärker werdenden Migräneanfällen umgehen musste. All dies wirkt sich im laufe der Zeit so sehr auf Psyche und Körper aus, dass auch das soziale Umfeld darunter leidet.

Meine Beziehung litt neben meinem Studium am meisten darunter. Mein Herzmensch kam neben mir nicht mehr zur Ruhe und hat begonnen in einem anderen Bett zu schlafen. Meine Kraftreserven waren so angezeigt, dass gemeinsame Aktivitäten nicht mehr möglich waren. Von schlechter Laune, schwankender Stimmung und Mikroaggressionen, die krampfhaft versuchten einen Streit vom Zaun zu brechen, ganz zu schweigen.

Mein Arzt verschrieb mir L-Dopa. Ein Medikament dass durch seine dopaminergen Neurotransmitter vor allem für die Behandlung von Parkinson bekannt ist.

Für knappe zwei Monate machte ich die Erfahrung, was erholsamer Schlaf bedeutet. Meine schwarzen Augenringe verblassten und oh wunder, ich hatte plötzlich auch wieder mehr Kraft, Energie und gute Laune. Ich erkannte, dass meine Probleme nicht (zumindest nicht in diesem Ausmaß) mit meiner gedachten Depression zusammen hängen, sondern mit der simplen Tatsache, dass ich unter chronischem Schlafmangel litt.

Nach allerdings nur knapp 2 Monaten verblasste die Wirkung des Medikaments und meine Symptome wurden im Verlauf sogar noch stärker, als zuvor.

Zu Ostern war es so schlimm, dass ich sogar schon im Auto, nach einem ganztägigen Marsch durch den Zoo, unmittelbar auf der Rückfahrt anfing spastisch zu zucken. Es war so schlimm, dass ich sogar meine Arme nicht mehr unter Kontrolle hatte und mein Körper mit seinen Hyperkinesen aussah, als würde ich an Chorea Huntington leiden.

In der natürlich schlaflosen Nacht googelte ich mich verzweifelt durch sämtliche medizinische Veröffentlichungen zu dem Thema und fand eine (wirklich nicht gute) Dissertation, die sich mit RLS in Bezug auf Antidepressiva beschäftigte. Der Inhalt bestätigte zumindest meine Vermutung, dass mein neues AD die Symptome so massiv verstärkte. Nach Absprache nehme ich nun wieder mein altes AD in einer anderen Form.

Meine Ärztin tat sich schwer, mir das Ausmaß meiner Symptome zu glauben, verschrieb mir dennoch Targin. Ein Opiat, dass neben seiner eigentlichen Bestimmung als sehr starkes Schmerzmittel auch noch zur Behandlung sehr schweren RLS verwendet wird. Gleichzeitig verwies sie mich an die Neurologie, da sie zugab, in dieser Ausprägung auch mit ihrem Latein am Ende zu sein.

Wir haben in meiner Stadt echt viele Neurolog*innen, aber die frühsten Termine, die man mir anbieten konnte, hatten eine Vorlaufzeit von mindestens 3-4 Monaten. Glücklicherweise gibt es spezielle Überweisungen mit einem speziellen Code für die Kassenärztliche Vereinigung, die uns zusichert, innerhalb von 4 Wochen einen Facharzttermin zu bekommen und dafür extra Kontingente reserviert hat. Mein Termin ist nun in zwei Wochen und ich hoffe, dass mir endlich nachhaltig geholfen werden kann.

Die Opiate nehme ich jetzt seit 4 Wochen und muss leider wieder beobachten, dass die anfänglich gute Wirkung nachlässt. Sonst würde ich jetzt nicht hier um mittlerweile 02:42 sitzen und diesen Post schreiben.

Ich weiß noch gar nicht so richtig, warum ich dies gerade schreibe. Sicherlich zum einen, um mein Leid wie sonst in einem Tagebuch zu kanalisieren. Zum anderen aber auch, um Menschen, die nicht darunter leiden einen Einblick zu geben, welchen Leidensdruck dieses, wie ich finde doch recht harmlos klingende, Syndrom der rastlosen Beine mit sich bringt. Auch diverse Artikel, die eins im Internet so finden kann, klingen harmlos und bilden nicht annähernd ab, welche Konsequenzen dieses Syndrom mit sich bringt.

Chronischer Schlafmangel, Migräneanfälle, daraus folgende Leistungstiefs, Deadlines und unvermeidbare Aufgaben, die aufgrund dessen nicht bewältigt werden können; all dies sind halt auch wieder Faktoren, die das eigene Selbstbild schädigen und sich doppelt negativ auf Menschen auswirken, die vielleicht eh schon eine Veranlagung zu Depressionen und durch Stress verursachte Erkrankungen haben.

Es ist jetzt gleich knapp drei Uhr und ich werde es erneut versuchen ein wenig Schlaf zu bekommen. Morgen werde ich vermutlich wieder zu einer Packung frei verkäuflicher Schlaftabletten greifen, um meinen Körper soweit in den Schlaf zu zwingen, dass ich (hoffentlich) nicht so viel von meinen Zuckungen und Missempfindungen mitbekomme und mir nicht wieder meinen mühsam aufgebauten Schlaf-Wach-Rhythmus zu zerstören.

Wenn ich jetzt das Schlafzimmer betrete, muss ich wieder schmunzeln. Statt des Herzmenschen liegt der Hund mit ausgestreckten Pfoten nach oben auf dem ergonomischen Nackenkissen. Der Herzmensch liegt wie ein Fragezeichen am Fußende und ich muss seine Knie hochklappen, um an meine Betthälfte zu gelangen.

Dieses regelmäßige Schauspiel an komischen, unbequemen Schlafpositionen der Beiden, ist das Einzige, dass ich mir liebevoll in Erinnerung rufe, wenn ich wieder verzweifelt und den Tränen nahe auf der Terrasse sitze.