Ich reg mich ja schon von Folge zu Folge zunehmend auf, aber heute ist glaube ich wirklich mein Höhepunkt erreicht. (Während ich das schreibe, sehe ich den Trailer zur nächsten Sendung und glaube diese Aussage revidieren zu müssen) Worum geht es? Um eine Sendung, die uns im Intro verspricht die*den besten Hobbyschneider*in zu finden – Geschickt eingefädelt. Oh nein, entschuldigt, obwohl die Sendung mit 5 weiblich und 3 männlich gelesenen Kandidat*innen startete, wird immer noch fleißig von dem Hobbyschneider gesprochen. Auch "der Kandidat der uns heute verlassen wird" war jeweils eine Frau.

Aber was wollen wir uns an so lächerlichen Dingen wie gendergerechter Sprache aufhalten, ist ja nicht so, dass diese Sendung nicht noch mehr an diskriminierenden Sachen zu bieten hat. Ich bin gerade so genervt, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Deswegen entschuldigt bitte das durcheinander, ich rante hier nur ein bisschen rum.

Als ich von Geschickt eingefädelt gehört hab, hab ich mich eigentlich darüber gefreut, dass es mal eine Sendung gibt, die sich mit meinem Hobby beschäftigt. Da ich bereits einige Folgen der britischen Sewing Bee gesehen hab, wusste ich, dass es möglich ist dieses Thema nett und ansprechend, sowohl für Nähende als auch für Nähfremde zu gestalten. Das importierte Sendungen allerdings immer im negativen Sinne eingedeutscht werden, hab ich naiv ignoriert. Auch dass die Sendung von Vox produziert wird, habe ich außer acht gelassen. Eigentlich hätte ich wissen können, dass es sich um eine schlechte Kopie handeln muss, die zum Ziel hat zu polarisieren und Herrn Kretschmar zu promoten. Aber ich wollte mein Hobby im Fernsehen sehen und quäle mich nun durch jede Folge, immer mit der Fernbedienung in der Hand gleich umzuschalten. Es ist wie ein entgleisender Zug: du weißt, dass du nicht hingucken solltest, aber du tust es trotzdem. Leider sind es hierbei die Kommentare der Jury, im besonderen die von Guido Maria Kretschmar, die bitter entgleisen.

Guido Maria Kretschmar wird ja immer gerne als niedlich-gehässig gehandelt, unter dem Deckmantel, es ist zwar mal scharf, aber mit so viel Liebe und Ironie gesagt, dass das wieder alles wett macht. Das ist zumindest die überwiegende Haltung die ich aus Nähforen und Gesprächen höre. Ganz im Stile der Rechtfertigung „Satire darf das“, produziert und reproduziert Herr Kretschmar mit seinen Kommentaren einen großen widerwärtigen Schwall an Sexismus, Ageism, Fatshaming und Lookismus. Warten wir noch ein bisschen, kommen bestimmt noch andere *ismen dazu. Schließlich ist seine Lieblingskandidatin Meike nun nicht mehr dabei. War sie als etwas ältere, gestandene Frau mit eigener Meinung und Haltung, zudem nicht den normschönen Modelmaßen entsprechend doch die passende Zielscheibe für „liebevolle Gehässigkeiten“. Ich mag mir gar nicht ausdenken, wer wohl das nächste Ziel für seine „polarisierenden Sprüche" sein wird. Aber solange er im nächsten Moment alle wiedernmit „arme oder süße Maus“ anspricht und verniedlicht, ist ja alles wieder gut…

Polarisierende Sprüche, eine Aussage die ich mehrfach in Hobbyschneider*innenforen gelesen habe. Eine sehr schöne verharmlosende Beschreibung für eindeutig diskriminierende Aussagen, nicht wahr?

„Du siehst aus wie eine polnische Erntehelferin“ wahlweise auch Bäuerin oder Magd sind halt nicht einfach nur polarisierend, sondern entlarven die fat- und bodyshamende Haltung die Guido inne hat und finden weitere Auswüchse in „Wenn die da jetzt runter fällt, ja dann ist der Florian aber platt“. Eine Folge weiter wird dann die schlechte Laune der Kandidatin mit der einzig für Frauen möglichen Ursache erklärt: PMS bam bam bam… Wie sollte es auch anders sein. Nicht, dass die ständige offensichtliche Diffamierung und die entsprechende Choreographie der Sendung, persönliche Zusammenhänge oder Sachen aus dem Off für eine schlechte Laune sorgen könnten, nein! Es kann nur eins sein. Meike ist prämenstruell! BÄM!

Wieso sollte es auch an einem schlechten Tag oder an persönlicher Haltung gegenüber dem Schnitt/Sendung/Ablauf etc einer Frau liegen, wenn MANN es auch mit PMS erklären kann. Das kann ja sowieso nur der einzige Grund für aufmüpfige, meinungsstarke Frauen sein.

Guck ich in Hobbyschneider*innenforen, wird diese Aussage im Nebensatz von einem Teil zwar leise als unangebracht empfunden, aber schließlich sind sich alle Kandidat*innen ja im klaren darüber, dass sie im Fernsehen zu sehen sind. Da muss eins das schon ab können! Wer sich so in die Öffentlichkeit gibt, muss halt auch damit rechnen, dass er öffentlich nieder gemacht wird.

Für mich entlarvt sich dieser Spruch ja eher als ein bockig auftretendes „aber ich will ungeniert weiter lästern“. Aber ich wollte mich in erster Linie über die Sendung aufregen und nicht die Reaktionen, die ich in Foren dazu lese. Das wäre evtl. was für nen weiteren Post.

Zurück zur Sendung: Bei Geschickt eingefädelt gibt es neben Guido ja auch noch die Anke und die Inge. Ich würde zu weit gehen, wenn ich sage, dass mir die beiden positiv auffallen, aber sie bereiten mir nicht so viele graue Haare wie Guido. Anke wirkt auf den ersten Blick immer wie das „alles super“-Token der Jury. Da sind die schluderigsten Nähte und Verarbeitungen, aber weil es so schön bunt ist, ist alles total „schööhöön“. Nervig und überflüssig, aber wenigstens nicht diskriminierend.

Inge gefällt mir noch am ehesten. Ich habe mir tatsächlich ein paar Tipps bei ihr abholen können, auch wenn ich sicher bin, dass ich wohl nie z.B einen Bubikragen nähen werde. Aber ihre Kritik ist an den Stellen wo sie eintritt gerechtfertigt. Leider offenbaren die Beiden mit ihren Kritiken die offensichtliche Choreographie der Sendung. Während bei bestimmten Kandidat*innen auf Kleinigkeiten groß rumgeritten und überkritisiert wird, werden bei anderen Kandidat*innen offensichtliche Fehler übersehen oder weggeredet. Die Juryentscheidungen sind daher in den seltensten Fällen nachvollziehbar, dafür aber absehbar. Gerade heute beim Kreativthema „Schlankmacherkleider“ konnte eins das wieder beobachten. Entlarvend für diese Sendungschoreographie war heute zudem auch die anonyme Bewertung der fertigen Stücke. Auf einmal ging es wirklich um das Kleidungsstück und nicht um die Kandidat*innen und siehe da, ein völlig anderes Ranking der Kandidat*innen.

Auch so ein Ding, worüber ich mich heute unglaublich aufgeregt habe. Da ist das Motto der Woche „kurvenreich“ und dann sollen da Schlankmacherkleider für Models genäht werden, die alles brauchen, aber bestimmt keine Schlankmacher. Mich hätte ja tatsächlich mal interessiert, wie die Hobbyschneider*innen damit umgehen, wenn sie einen Schnitt an einen Körper wie meinen anpassen müssten. Wo es wirklich um maßschneidern geht, weil meine Brust- und Hüftmaße eben nicht proportional an den herkömmlich 90-60-90 ausgerichteten Schnitt anzupassen sind und schwer ist ein Kleidungsstück zu kreieren, dass nicht am Bauch spannt und gleichzeitig eine große Schlabberfalte an meinem Hohlkreiz erzeugt. Aber nein, wir maßschneidern an Körpern rum, die bis auf vielleicht kleine Längenanpassungen den Schnitten und vor allem dem Schönheitsideal entsprechen.

Ernsthaft? Reicht es nicht, die einzig nicht normschlanke Kandidatin zu fatshamen? Müssen jetzt auch noch schlanke, als normschön gelesene Frauen ein Schlankmacherkleid haben? Was soll das überhaupt sein? Wenn ich das anziehe, zeigt mir meine Waage 10 kg weniger oder was? Achso, nein! Es geht mal wieder darum die „kleinen Extrapölsterchen“ ach Gott wie niedlich zu verstecken. Dicke*fette Menschen dürfen nämlich nicht dick*fett aussehen. Das ist ja schließlich eine Beleidigung für die Gesellschaft, deswegen sind Guido und der Rest auch so bemüht uns zu zeigen, wie man seinen unperfekten Körper strecken oder anders in Szene setzen muss. Gerade für die Models mit Gr. 38 ist es toootaaal wichtig über die Optik noch 2 Größen weg zu schummeln. Hallo Fat- und Bodyshaming, dich in dieser Sendung? *tusch*

Habt ihr eigentlich schon mal was von Schlankmacherhosen-, Jackets-, Anzügen gehört? Warum auch? Schön, jugendlich und sexy muss der weibliche Körper sein. Hat der ältere, unperfekte Körper ein Geschlecht, dann ist er vor allem eins, männlich (Bublitz 2009)

Es ist so abartig, wie sehr wir alle von einem neoliberalen Körperbild geprägt sind, dass nur schlanke, abledbodied und normschöne Körper als wertvoll anerkennt und Menschen, die davon abweichend als zu korrigierendes Objekt betrachtet und mit allerlei Zuschreibungen und Narrativen versieht.

Ob ich diese Sendung weiter gucken werde, weiß ich noch nicht. Mich interessieren zwar die Umsetzungen und die entstehenden tollen Kleidungsstücke, aber dafür würde vermutlich auch ein kurzer Blick in einen Blog reichen. Jetzt wo die beiden ältesten Kandidat*innen ausgewählt worden sind, besteht zumindest keine Gefahr mehr für ageism, aber ich könnte mir vorstellen, dass dieser sich durch z.B Rassismus ersetzen lässt, schließlich gibt es in der Sendung ja auch eine PoC und Vox wäre nicht Vox, wenn die Sendung nicht ein bisschen weiter „polarisieren“ würde.

Da ich meinen Unmut nun hier reingerotzt habe, kann ich nun wieder in mein Nähzimmer, liebevoll "Schnittstelle" genannt gehen und weiter an Weihnachtsgeschenken nähen.