Triggerwarnung: Es folgen ein Gedanken und Erfahrungen zum Thema Depressionen. Überschneidende Gefühle und Erfahrungen können evtl. das eigene Befinden antriggern.

"Ich habe Depressionen." Eine Aussage, die für viele Menschen eine absolute Überforderung darstellt. Menschen, die sich aus dem direkten Umfeld oder eigener Erfahrungen heraus, mit diesem Thema beschäftigt haben, kennen die Bedeutng und wissen auch ihre eigene Reaktion entsprechend anzupassen. Schmerzlich sind meist die Antworten, die von Menschen kommen, die immer noch meinen, dass man sich einfach mal zusammen reißen muss. Die mit totaler Ignoranz oder gar Angriff reagieren. Erstaunlicherweise erkenne ich bei nicht wenigen dieser Sorte, selbst depressive Züge. Meine "Genugtuung" in dem Moment ist, dass irgendwann auch sie verstehen, was die Aussage "ich habe Depressionen" bedeutet und was für Konsequenzen sie für die eigene Gefühlswelt und das eigene Leben hat.

Als ich mir selbst eingestehen musste, dass sich der Burnout-Zustand, indem ich mich schon einige Zeit bewegte, immer schneller auf die finale Depression zu bewegte, beschloss ich offen und ehrlich damit umzugehen. Ich hab diesen Zustand lange vor mir selbst verleugnet. Allein schon, weil sowas nicht "sein darf", "ich mich nur mal zusammen reißen muss", "ich doch so eine starke Frau bin, wie kann ich da jetzt so verletzlich sein?". Die Liste ist lang und auch heute höre ich viele der Aussagen noch. Ich selbst hab nur mittlerweile verstanden, was für ein Scheiss das ist! Sorry, aber anders kann ich es nicht bezeichnen.

Die immer noch herrschende Intolleranz bezüglich psychischer Erkrankungen, war bei mir und ist bei vielen immer noch der Grund, warum ärztliche Hilfe erst dann geholt wird, wenn es einem schon längst die Schuhe ausgezogen hat. In der Hinsicht bewundere ich tatsächlich mal die USA. Dort ist es völlig selbstverständlich zum Psychologen und Psychiater zu gehen. Über die Umstände und Therapien selbst lässt sich natürlich streiten. Was die gesellschaftliche Akzeptanz aber angeht, haben wir hier in Deutschland deutlichen Nachholbedarf.

Ich höre jetzt schon einige Menschen aus meinem Umfeld rufen, wie ich so "dumm" sein kann und hier, öffentlich, mit meinen kompletten Adressdaten im Impressum stehend, über meine Depression schreibe. "Wenn das dein zukünftiger Arbeitgeben sieht!"

Meine Depression zu leugnen würde für mich aber bedeuten, mich selbst zu verleugnen. Denn ist nicht gerade das, häufig eine der Ursachen, die einer Depression unter anderem zu Grunde liegt? Etwas anzustreben, was einem von außen zugetragen wird und dessen Erreichen in unschaffbar weiter Ferne liegt? Oder etwas darzustellen von dem man glaubt, dass es von einem erwartet wird? Was man vielleicht sogar gerne sein würde, aus verschiedenen Gründen aber nicht ist oder sein kann?

Meine Depression gehört unweigerlich zu mir und meiner momentanen Persönlichkeit. Es ist meine Trauer, Schmerz, Enttäuschung etc, die ich wie ein eitriges Geschwür mit mir rum trage und dass sich jedes mal weiter ausbreitet, wenn ich selbst, oder jemand anders versucht, es weg zu ignorieren.

Eine Mitpatienten aus meinem letzten Klinikaufenthalt sagte einmal sehr schön: "So leid und so weh es mir tut, aber das ist nunmal meine Wahrheit. Auch wenn ich die Narben meines Lebens abdecke, ich weiß, dass sie da sind und manchmal spüre ich sie sehr schmerzhaft."

Mich hat diese Aussage auf vielen Ebenen sehr bewegt. Denn diese Narben sind nunmal irgendwann in einem Lebensabschnitt entstanden. Sie werden bleiben. Ich kann nur hoffen, dass sie verblassen und weitestgehend schmerzfrei werden. Komplett entfernen kann ich sie nunmal nicht.

Ich selbst bin derzeit wieder an einem Punkt, an dem sich diese Narben wie frisch und entzündet anfühlen. Aber genau das sehe ich, trotz des Schmerzes, sehr positiv. Denn es zwingt mich dazu, endlich hin zu sehen, das "dicke Fell" abzulegen und mich meinen eigenen Wunden zu witmen. Sie wahr zu nehmen, zu säubern, zu akzeptieren und eines Tages vielleicht sogar gern zu haben.

Ich glaube, dass viele Depressionen daher rühren, oder angetrieben werden, dass man diese Narben nicht wahrnehmen will, weil sie mit viel Schmerz verbunden sind. Oder eins sie sich selbst nicht eingestehen will sie zu tragen, weil es nicht der gesellschaftlichen Erwartung entspricht.

Ich beobachte regelmäßig, auch an mir, wie schmerzliche Dinge verdrängt und ignoriert werden, weil die Auseinandersetzung damit schmerzhaft und unangehem ist. Scheuklappen aufzusetzen und naiv durch die Welt zu stapfen ist so schön einfach und schmerzfrei. Auf Dauer aber kein zu empfehlendes Lebensmodel.

Ich selbst war 26 Jahre lang eine echte Expertin darin, Dinge an meinem "dicken Fell" abprallen zu lassen. Ich war fest überzeugt, dass ich ein so dickes Fell hatte, dass mich keiner verletzen könnte. Waren es Beleidigungnen wegen meines Körpers, Sexismus oder sonstige Angriffe. Ich konnte immer gut kontern und habe mich nie traurig oder verletzt gefühlt.

Sehr schöner Selbstbetrug! Denn irgendwann hat es doch geknallt. Mittlerweile bin ich überzeugt davon, dass dieses "dicke Fell" nur ein Schutzmechanismus ist, der Angriffe und Verletzungen am Bewusstsein vorbei, ungesehen und gesäubert in einen Sack leitet. Im Laufe der Zeit wird dieser Sack immer größer, schwerer und trieft vor schleimigen und gruseligen Monstern, die sich wie Parasiten in deiner Gefühlswelt ausbreiten und nach und nach erst deine Unbeschwertheit und dann deine Lebensfreude auffressen.

So ist das nunmal mit Dingen die abgeschlossen irgendwo eingefercht werden. So wie sich die ekeligsten Bakterien in feuchtem, von Luft abgeschlossenem Raum vermehren, so tun es auch "die Monster der Vergangenheit", bis sie sich irgendwann ihren Raum nehmen.

Ich war im Sommer letzen Jahres schon einmal in einer psychosomatischen Einrichtung. Wie ich heute weiß, habe ich meine Therapeut*in und mich selbst nur an die Spitze meines Eisberges gelassen. Der wurde sorgfältig untersucht, modeliert und gefeilt.

In den letzen 2 Monaten musste ich aber, ausgelöst von verschiedenen Vorfällen feststellen, dass mir immer noch ein stabiles Fundament fehlt, auf dem ich meinen Neuanfang sicher aufbauen konnte. Tief unter der Unterfläche brodelte es doch noch gewaltig.

*Edit*: Nach diesem Blogpost bin ich ein weiteres Mal für 8 Wochen in stationäre Therapie gegangen. Ich hab hingesehen, hingespürt und akzeptiert. Die Zeit war schmerzhaft und schwer. Aber sie war es absolut wert. Seit Sommer 2013 kann ich sagen, dass ich mich "geheilt" fühle.